MIRKO BASELGIA
ANTUPADA (BEGEGNUNG) II
In der Klosterkirche vom 19.8.2016 bis 6.11.2016

Begleitprogramm

Samstag, 15. Oktober 2016, 17 Uhr
Gespräch im Kunststall, mit dem Musiker und Komponisten Peter Streiff

Einen Sommer lang dient das Schönthal als erweitertes Atelier für einen Künstler: Aus der Geschichte des Klosters und der Landschaft von Weiden, Wiesen und Wäldern schöpft Mirko Baselgia Material und Inspiration für neue Werke. Mit dem 34jährigen Bündner starten wir 2016 ein einzigartiges Programm: den sogenannten „Kunstsommer“, der Künstlerinnen und Künstler zur Arbeit im romanischen Kloster, auf dem biodynamischen Hof und in einem zum Atelier umgebauten Melkstall einlädt.

Als erstes unterzog der Künstler den zur Galerie umgebauten Kirchenraum mit wenigen, sensiblen Eingriffen einer Art Heilung. Wir betreten die Kirche nun wie schon seit über zwanzig Jahren nicht mehr: durch ihr Hauptportal im Westen. Den historischen Verlust der Apsis im Osten bedeckt statt einer harten Schnittfläche in transparentem Glas nun ein milchiges Licht. Auf die Wand einer Seitenkapelle gemalt, schwingt ein Engel aus dem 14. Jahrhundert sein Weihrauchfass. Ihn unterstützt der Künstler mit einer eigens im Klostergarten gesammelten Räuchermischung aus Blumen und Kräutern. Daneben hängen zwei neu entstandene Lithografien, die das tropfende Wachs von Kerzen aufzeichnen – auch sie ein zart melancholisches Memento Mori.

Wichtigstes Stück der Ausstellung ist ein Murmeltiergang in Bronze. Was verbirgt sich hinter dem Loch in der Wiese? In Zement ausgegossen, ausgegraben und in einer Giesserei in Neapel in Bronze nachgeformt, spannt sich der Murmeltierbau nun im Osten quer durch eine tiefer gelegte Kapelle. Wir erblicken nun das sonst Unsichtbare, beinahe Undenkbare: die Aussenseite einer Höhle. Der Titel ‘Endoderm‘ (2012-2013) benennt eine innere Haut, eine embriotische Urmasse, aus der sich die Organe erst bilden.

Die weitere Architektur formt monumental in Marmor eine Muschel nach: ‘Determination’ (2013). Wo die organische Form der Muschel durch den Quader des Steines begrenzt wird, öffnen sich harmonisch geschwungene Innenräume. Muschel wie Marmor bestehen zu grossen Teilen aus dem Mineral Calcit. Wieder zeigt sich der Künstler von der skulpturalen Gestaltung durch ein Tier. Die kleine Schnecke zeichnet mit jeder Windung des Hauses sozusagen ihre Biografie auf, von der Geburt bis zum Tod, wo sie ihr Haus leer zurücklässt.

Einem wichtigen neuen Werkstoff ist der Künstler im Schönthal ganz im Wortsinne auf den Grund gegangen. Aus dem Schönthal-Weiher grub er mit Hilfe benachbarter Bauern zwei Tonnen Lehm. Hier wurden bereits im 17. Jahrhundert Ton und Sand geschöpft und in der damals als Brennerei genutzten Kirche zu Ziegeln gefertigt.

Fragil schöne Reliefs können in der Hand von Baselgia aus Lehm entstehen. Das zeigen - an den Innenwänden verteilt - verschiedene Wandarbeiten aus dem letzten Jahr, alle aus mit Naturpigmenten glasierter Keramik. Abgeformte Zweige verbinden sich zum ‘Schönen Tal‘ (‘Val-Bella‘, 2015), das an einen weiblichen Schoss erinnert.

Diese beinahe alchemistische Verwandlung von Dreck in Keramik, von ertragsarmem Boden in einen beständigen Wert, interessiert Mirko Baselgia. Als Künstler deutet er mit Geist und Handwerk profanes Material in Kunst um. Mirko Baselgia durchdringt in seiner Recherche im Schönthal Material in seiner Substanz. Diese zugleich physische und intellektuelle Annäherung an die lokalen Eigenheiten und die handwerklichen Traditionen betreibt er mit einer schonungslosen Gründlichkeit, die einer spirituellen Sinnsuche gleichkommt.

→ Saaltext_Mirko Baselgia_zweite Ausstellung.pdf
→ BZ_Mirko_Baselgia_2.pdf
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